Als ich Anfang 2004 dann DSL hatte, vernachlässigte ich meine realen sozialen Kontakte; alles war so einfach und unkompliziert im World Wide Web.
Es war eine Flucht vor der harten Realität, und ich wurde nach und nach internet-abhängig. Besonders schlimm war meine Flucht, als ich arbeitslos geworden war. Ich holte mir im WWW die Bestätigung und Anerkennung, die ich brauchte...
Das WWW ist so herrlich anonym, und dort konnte ich eine Person sein, die ich in Wirklichkeit, im "real life", gar nicht war.
Dort war ich stark, witzig, unabhängig und kontaktfreudig.
Im RL (real life) hingegen bin ich eine Sozialphobikerin (mir fällt es schwer, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten); ich war hilflos und fühlte mich den Behörden und dem Druck meiner Eltern, doch "mal vorbeizukommen", ausgeliefert.
Mit der Kündigung meines Arbeitsplatzes brach mein gesamter äußerer Rahmen zusammen: Ich verbrachte fast ein halbes Jahr nur in meiner Wohnung. Die Post stapelte sich (unter anderem Briefe vom Amtsgericht), und meine Wohnung wurde nach und nach zu einem absolut unbewohnbaren Ort für mich, weil ich es einfach nicht mehr schaffte, einigermaßen Ordnung zu halten.
Aber das "I-Tüpfelchen" kam erst noch: Meine Therapeutin brach die Therapie mit mir ab. Nur acht Tage später bat ich meinen Psychiater um eine Einweisung in eine Klinik, weil ich merkte, daß ich sämtlichen Boden unter meinen Füßen verloren hatte. Ich habe alle Gefühle (Traurigkeit, Trauer, Wut und (Selbst)Haß) in mich hineingefressen, und mein Vertrauen in andere Menschen und vor allem in Therapeuten war völlig zerstört. Das hat das Pflegepersonal und meine Einzeltherapeutin in der Klinik deutlich zu spüren bekommen.
Ich ging in die Klinik, um mir Hilfe zu holen, obwohl es ungemein schwer für mich war, diese auch anzunehmen.