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Die Erlebnisse in meiner Kindheit haben mich psychisch krank gemacht. Meine Krankheit heißt "Borderline" (engl. für "Grenzlinie")
und gehört zu der Kategorie der Persönlichkeitsstörungen.
Im Folgenden möchte ich Euch nun meine Symptome genauer beschreiben, wobei ich mich sehr darum bemüht habe, auch die Ursachen
für diese Symptome aufzuzeigen und zu beschreiben.
Eine "neutrale" Aufzählung der Borderline-Symptome findet Ihr auf der Unterseite: "BL-Symptome".
Es handelt sich bei dem "Borderline-Syndrom" um eine sogenannte "Frühstörung", das heißt viele Symptome entstehen schon in den ersten
drei Lebensjahren. Borderliner lernen nicht, dass eine Person (vor allem die Mutter) "gut" und "böse" sein kann,
sondern halten diese einzelnen Charakterzüge eines Menschen streng voneinander getrennt. Dies bedeutet für das spätere Leben,
dass andere Menschen nicht als "ganzheitlich" (mit guten und schlechten Eigenschaften, mit Schwächen
und Stärken) wahrgenommen werden können.
Und so ist es auch bei mir: Mal sind andere Menschen für mich böse, mal gut. Entweder idealisiere ich sie, oder ich werte sie total ab.
Es gibt keinen "Zwischenton", kein "Grau", sondern nur "Weiß" und "Schwarz".
Noch ein Wort zu diesem äußerst frühen Beginn dieser Störung: Es ist ja klar, dass ich diese früh entstandenen Symptome nicht
bewußt entwickelt habe; umso mehr Arbeit war es dann für mich, zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt erfahren und lernen zu
müssen, dass eine Person halt aus vielen Facetten und "Zwischentönen" besteht.
Aber viele Symptome wiederum sind zu einem Zeitpunkt aufgetreten, als ich es rational erfassen oder zumindestens nachvollziehen
konnte. Diese möchte ich Euch im Folgenden näherbringen:
Meine Beziehung zu meinen Eltern war sehr stark gestört und von einer ungeheuren emotionalen Kälte geprägt. Diese emotionale
Vernachlässigung und die fehlende emotionale Fürsorge seitens meiner Eltern führte dazu, dass ich kein richtiges "Gefühlsvokabular"
entwickeln konnte. Mir fehlte der "Einblick" in mein Gefühlsleben, und ich konnte meine Gefühle auch nicht beschreiben. Hätte mich
jemand damals gefragt, wie ich mich fühle, hätte ich wahrscheinlich nur mit den Achseln gezuckt.
Und wenn, hatte ich sehr ambivalente (= zwiespältige) Gefühle; sie waren nicht genau zu benennen. Gegenüber meinem Vater empfand
ich zum Beispiel eine Mischung aus Ekel, Angst und Liebe.
Meine ganze Kindheit lang habe ich in meinem Elternhaus gemerkt: "Hier spiele ich keine Rolle. Hier bin ich nicht wichtig.
Hier werde ich auch nicht
geliebt." Und diese Minderwertigkeitsgefühle habe ich dann auf mein anderes Leben außerhalb meiner "Familie" übertragen.
Denn ich leide eigentlich bis heute an dem sogenannten "Helfersyndrom", das heißt, ich habe mich mehr um das Wohl anderer
Menschen gekümmert als um mein eigenes. Ich selbst war mir lange Zeit meines Lebens schlichtweg egal. Ich habe mich selbst,
sprich, meine Gefühle und meine Bedürfnisse, gar nicht beachtet.
Ich leide unter schweren Schlafstörungen, die zum Teil durch schlimme Alpträume verursacht werden, in denen so ziemlich alle
Gewalterlebnisse meiner Kindheit vorkommen.
Aber ich habe auch schlimme Einschlafschwierigkeiten, weil ich oft vor dem Einschlafen grübeln muß. Grübeln ist insofern
schlimm, weil es - im Gegensatz zum Nachdenken - zu keinem effektiven Ergebnis führt. Ich stelle mir dann viele "Warum - Fragen", wie
zum Beispiel: "Warum ist mein Leben so, wie es jetzt ist?" oder: "Warum mußte ich all das erleben, was ich erlebt habe?" oder:
"Warum konnten mich meine Eltern nicht so lieben, wie ich war?"
Und auf diese mich quälenden Fragen gibt es keine Antwort, jedenfalls keine befriedigende.
Und oft habe ich auch enorme Angst vor dem Einschlafen an sich, Angst vor der Dunkelheit und Angst vor meinen Alpträumen.
Die tiefe emotionale Leere, die ich oft empfinde, kann man am ehesten mit einer schweren Depression vergleichen. Oft fühle
ich gar nichts, erledige all meine Tätigkeiten rein mechanisch und ohne Gefühl, wie eine Marionette oder ein Roboter.
Ich empfinde auch oft Langeweile, weiß nichts mit mir selbst anzufangen. Sobald ich keine Aufgabe mehr habe, falle ich in ein tiefes
Loch. Infolge dessen sind die Wochenenden natürlich die schlimmste Zeit der ganzen Woche für mich. Denn ich habe dann keine Aufgabe
(ich muß ja nicht arbeiten gehen) und keinen "Plan", wie ich diese zwei Tage ausfüllen soll, weil sie nicht so gut strukturiert sind
wie meine Wochentage.
Außer der fehlenden Struktur sind die Wochenende schlimm für mich, weil ich dann gezwungen bin, mich mehr mit mir selbst zu
beschäftigen. Und davor habe ich Angst, vor allem vor meinen vielen Gefühlen, die ich in mir trage: Denn wenn ich mich nicht
gerade total leer und einsam fühle, stehe ich unter einem starken inneren Druck und bin unfähig, mich zu entspannen. Ich vergleiche
mich selbst dann mit einem "brodelnden Vulkan".
Meine Emotionen schwanken also zwischen den Extremen.
So lassen sich auch meine häufigen und heftigen Stimmungsschwankungen bzw. -umschwünge erklären: Den einen Moment bin ich
himmelhochjauchzend, den anderen zu Tode betrübt. Es ist eine regelrechte "Achterbahn der Gefühle" (und so etwas immer und
immer wieder zu durchleben, ist ziemlich anstrengend!).
Diese Heftigkeit meiner Gefühle läßt sich auf viele unverarbeitete Gefühle aus meiner Vergangenheit zurückführen, die ich einfach
"schluckte" oder mit Alkohol betäubte.
Mein Selbstbild ist genauso schwankend wie meine Stimmungen. Ein psychisch gesunder Mensch weiß, was und wie er ist, und aus
dieser Gewißheit und Kontinuität heraus schöpft er sein Selbstvertrauen (= sein Vertrauen in sich selbst).
Aber bei meinem Selbstbild habe ich keine Gewißheit und Kontinuität schon gar nicht. Es schwankt, je nach Situation und Ereignis.
Mache ich einen Fehler, halte ich mich für einen ganz schlechten Menschen. Denn in meiner Vergangenheit wurde ich nicht geliebt,
weil ich "da" war, das heißt nicht um meiner selbst willen. Und so wuchs in mir der Glauben, dass ich vielleicht für vollbrachte
Leistungen geliebt würde. Leider erwies sich das auch als "Fehlschlag", da meine Eltern meine erbrachten Leistungen als
selbstverständlich hinnahmen. Ich machte trotzdem weiter, wurde Perfektionist und strebte nach Lob und Anerkennung. Wenn ich
schon keine Liebe bekam, wollte ich wenigstens durch meine Leistungen Bestätigung von anderen Menschen erlangen.
Aufgrund vieler Faktoren wurde mein Selbsthass allmählich ungeheuer groß. Ich haßte mich bis ins Unendliche und alles an mir
selbst, besonders meine Fehler und Schwächen! Ich wollte stark und unverletzbar sein, war aber - in meinen Augen - das genaue
Gegenteil, nämlich: Klein, passiv, hilflos und ohnmächtig!
Mein Selbsthass wurde noch "genährt" von der Ablehnung anderer Menschen; nirgendwo fand ich Akzeptanz meiner Person, geschweige
denn Respekt.
Ich leide unter vielen verschiedenen Ängsten.
Am schlimmsten ist davon meine soziale Angst. In Zeiten meiner emotionalen Leere schaffe ich es oft nicht einmal, aus dem
Haus zu gehen, aus Angst, andere Menschen könnten erkennen, was in mir vorginge.
Ich leide unter einer fehlenden Körperwahrnehmung. Oft spüre ich meinen Körper nur, wenn ich exzessiven Sport, das heißt vier
Stunden hintereinander, treibe. Ansonsten ist er mir "fremd", und ich fühle mich gar nicht ihm zugehörig.
Ich war ein sehr ängstliches Kind und weil mein Vater mich oft willkürlich, ohne jeden erkennbaren Grund, bestrafte, wurde ich
noch ängstlicher. Bald schon traute ich mich gar nichts mehr, wurde schweigsam, zurückhaltend und misstrauisch gegenüber anderen
Menschen, aus Angst, sie könnten mich genauso behandeln. Ich traute niemandem und mir selbst auch nicht.
Ich habe in meiner Kindheit viele Schuldgefühle entwickelt. Ich nahm für viele Dinge die Schuld auf mich; zum Beispiel
war ich schuld daran, von meinem Vater so schlecht behandelt und oft geschlagen geworden zu sein,
denn ich war einfach nur ein schlechter Mensch, ein böses Mädchen, das es einfach nicht anders verdient hatte.
Warum ich so viel Schuld auf mich selbst nahm? Ich wurde sehr autoritär, mit Schlägen, Erniedrigungen und Beschimpfungen,
erzogen, dass ich weder das nötige Selbstbewußtsein besaß, um anderen Menschen zu sagen, dass diese die Verantwortung
bzw. die Schuld zu tragen hätten, noch, dass ich mich traute, Wut zu zeigen. Das heißt meine Angst vor der Gewalt
meines Vaters zwang mich immer und immer wieder dazu, die Schuld auf mich zu nehmen und mich zu entschuldigen, in der
Hoffnung, ich könnte ihn damit besänftigen.
Und so ist in meiner Kindheit ein "Verhaltensmuster" entstanden: Ich darf nicht wütend bzw. sauer sein, denn sonst
werde ich bestraft; also nehme ich die Schuld (lieber) auf mich selbst. Und so ist es auch heute noch. Denn solche "Muster" bzw.
"Mechanismen", die seit der frühen Kindheit Bestand haben, sind äußerst schwer zu "durchbrechen".
Ich bin sehr leicht verletzbar und sehr sensibel. Selbst kleinste Kränkungen treffen mich extrem hart, bis ins Mark. Deshalb
habe ich immer schon sehr viel Schmerz ertragen müssen. Aber früher, als ich noch bei meinen Eltern lebte, konnte ich mit
diesem emotionalen Schmerz überhaupt nicht umgehen, was zur Folge hatte, dass ich mich oft bis zur Besinnungslosigkeit
betrank. Ich wollte diesen Schmerz damit nur "abschalten"; es war eine Flucht, wie jede Sucht. Mein Suchtpotential ist
extrem groß; für mich war selbst Sporttreiben eine Sucht. Alles, was ich tat, war in einem exzessiven Maß.
Aufgrund meiner erhöhten Sensibilität und meiner hohen emotionalen Verletzbarkeit, habe ich auch viele psychosomatische
Symptome, wie zum Beispiel ständigen Magendruck, Spannungskopfschmerzen, und wenn mir etwas "auf den Magen schlägt"
wie eine Gewaltszene im Fernsehen oder etwas ähnliches, ist das durchaus wörtlich zu nehmen, sprich, ich muß dann erbrechen.
Ich habe auch im Umgang mit anderen Menschen enorme Schwierigkeiten. Dies ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt,
wieviele Schwierigkeiten ich schon mit mir selbst habe. Für mich ist eine unkomplizierte, angstfreie Beziehung (selbst eine
freundschaftliche) zu einem anderem Menschen undenkbar.
Genauso wie mein Selbstbild sind auch meine "Bilder" von anderen Menschen unsicher und inkonstant.
Dass ich kein konstantes "Bild" von jemanden anders haben kann, liegt an meiner fehlenden "Objektkonstanz"
(= die Fähigkeit, ein "inneres Bild" von jemanden anders auszubilden). Dies hat zur Folge, dass ich mich immer und
immer wieder vergewissern muss, ob ein anderer Mensch zum Beispiel noch zu mir hält, ich sie oder ihn noch zu meinen Freunden zählen
und vertrauen kann. Besonders lange Trennungsphasen von meinen Freunden oder anderen Menschen machen mir das Leben also
ungemein schwer.
Auch bin ich unfähig dazu, Konflikte mit anderen Menschen auszuhalten. Ist jemand anders wütend auf mich, kann ich das nur sehr
schlecht ertragen. Ich neige dann dazu, mich sofort (demütig und reuig) entschuldigen zu wollen. (siehe oben: Entstehung meiner
Schuldgefühle)
Aber natürlich hat dieses "Schuld-Muster" heute für mich fatale Folgen: Im Beruf bin ich nicht fähig, mich gegen die
Meinungen anderer durchzusetzen, und in meinen Freundschaften und Beziehungen kommt eigentlich nie eine richtige "Aussprache"
bei Konflikten zustande, auch, weil ich es nie "gelernt" habe, anderen Menschen gegenüber meine Bedürfnisse und Wünsche
mitzuteilen.
Das fällt mir noch heute sehr schwer, auch wenn ich Vertrauen zu einem Menschen habe.
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